"Rammstein für Erwachsene".
So haben sich Laibach vor einigen Jahren selbst betitelt.
Eine Aussage mit der die Großväter des Industrial nicht unbedingt Unrecht haben, wie sie mit dem neuen Album einmal mehr unter Beweis stellen wollen....
26 Jahre sind seit ihrer Gründung bereits ins Land gezogen und immernoch stampfen die Slowenen rund um Sänger Milan Fras munter ihrer Wege. Eine Band die polarisiert wie kaum eine andere, die mit ihrer Ironie die sich nur einer auserwählten Minderheit erschließt und das Spiel mit Klischees und Symbolik geradezu spielend beherrscht. Laibach liebt oder hasst man. Denn die musikalische Komponente des Kollektivs der NSK (Neue slowenische Kunst) setzt sich Mit Leichtigkeit über die Grenzen des guten Geschmacks hinweg.
"Volk" nennt sich das neueste Machwerk der Industrialpioniere, wobei der Name hier Programm ist. 14 Nationalhymnen wurden von Laibach fein säuberlich seziert und nach Hausart zubereitet. Obwohl der Kenner die meisten Lieder wohl schon nach wenigen Sekunden ihren Schöpfern zuordnen könnte, bewegen sich Laibach doch etwas von ihrem Ursprung weg und geben sich durchaus experimentell.
Eingeleitet wir der Tanz der Nationen mit "Germania". Dem Nichtlateiner sei anbei gesagt, dass es sich dabei natürlich um die deutsche Bundeshymne handelt....beziehungweise um das, was von ihr übrig geblieben ist. Schon hier fällt ein markantes Detail des Albums auf: der exzessive Einsatz von Gastsängern, zumeist in der Landessprache singend. Im Kontrast dazu meist der düstere, in englisch gehaltene Sprechgesang von Milan Fras. Zurück zum Opener: Fast schon lieblich setzt eine kleine Klaviermelodie ein, um die Laibach-Modifikation der deutschen Nationalhymne zu begleiten. Im Laufe der ersten Strophe setzt bald Streicherbegleitung ein und schließlich setzt, begleitet von relativ dezent gesetzten Downbeats die altbekannte, vertraute Sprechstimme ein. Ein schönes, ruhiges, untypisches Lied, das zu schnell vorbei ist um gleich darauf in "America" überzugehen. Hierbei dreht sich natürlich alles um das Star-Spangled Banner, jedoch in keiner rühmlichen Art. Ein sehr düsterer, atmosphärischer Song, der wieder durch die Kombination von dunklem Sprechgesang über schönen Backingvocals brilliert.
In der selben Gangart geht es mit "Anglia" weiter, Opfer ist diesmal "God save the queen". Ruhige Klavier- und Gesangparts wechseln mit düsteren Beats und Milan Fras' Stimme. Streicher, Beats und diese Stimme prägen auch das nächste Lied "Rossiya". Wobei sich hier erstmals, Kinderchor sei dank, erstmals optimistischere Stimmung breitmacht. "Francia" spielt weiterhin die Kontraste und Stärken des Albums aus. Kraftvolle elektronische Parts und ein wunderschönes Duett prägen denbisher , vor allem gegen Ende, energetischsten Song des Albums. Song Nummer 5 offenbart dem Hörer italienische Klänge. Leider laden die ersten drei Minuten allerdings eher zum skippen als zum hören ein, zu schnulzig sind die Klänge, setzt man an einen Song Marke "Laibach" doch eher andere Ansprüche. Die verbleibende Zeit des Tracks weiß nichtsdestotrotz wieder die alten Stärken auf, macht die vergangenen drei Minuten aber nicht vergessen. Spanisch geht es im 7. Song "Espana" zu. Durchwegs positiver gestimmt und als wohl einzige Nummer noch halbwegs als tanzbar einzuordnen, werden hier die glorifizierten spanischen Torreros aufs Korn genommen. "Yisra'el" ist wiederrum eine Spur ruhiger, allerdings auch düsterer, eine Art böses Gute-Nacht-Lied. Gleichzeitig einer der stärksten Songs des Albums.
Mit "Turkiye" geht es industriallastig zurück zu den Wurzeln. Ähnliches gilt trotz Pianoanteil und ruhigerem Refrain für "Zhonghua". Absolut nicht Laibach-esque und beatfrei kommt "Nippon" daher, fehlen doch die urtypischen Trademarks wie MIlan Fras' Sprechorgan und elektronische Untermalung. Fast schon in der Zielgeraden spielen die Altherren des Genres ihre Trümpfe aus: "Slovania" vereint nochmals alle Stärken des Albums, Laibach-Sound und hymnischen Anteil, Sprache und Gesang, Beats und Melodie. Laibach zeigen ihren Genius. Unglaublich atmosphärisch und intensiv, ohne ein Übermaß an Stilmitteln zu verwenden packen sie den Hörer und lassen ihn nicht mehr los. Wenn dieser sich darauf einlässt.
Hymnisch und sakral kann der Titel des nächsten Lieds nur "Vaticanae" lauten. Orgelklänge und eine Frauenstimme samt Männerchor im Hintergrund, schon findet sich das geistige Auge des Zuhörers in einer prachtvollen Kirche wieder, garantiert glaubensfrei, etwas anderes lässt die Instrumentalisierung dieses wunderschönen Liedes auch nicht zu. Zu bemängeln gibt es hier nur die äußterst kurze Spielzeit, durch Intro und Outro zusätzlich beschnitten. Zu guter Letzt huldigen Laibach mit einem Augenzwinckern auch noch dem fiktiven Staat "NSK" und widmen diesem eine eigene Hymne. Diesmal passt der Begriff nämlich wirklich, denn auch hier wurden die typischen Stilelemente vermieden und mit einem soliden, aber eher unspektakulären Lied wird der Hörer von Laibach schlussendlich zurückgelassen.
Fazit: Laibach im Jahre 2006 sind anders. Sehr viele Industrialelemente wurden für dieses Album abgelegt, neue Stilmittel sind dazugekommen. Die Hauptzutaten der Songs, und deren Stärken sind oft ähnlich, aber sie ähneln sich nicht. Laibach verstehen ihr Handwerk. So weiß das Album durchgehend zu überzeugen und bleibt frei von Durchhängern, aber trotzdem in sich geschlossen.
Trotzdem ist, wie so oft bei den kontroversiellen Slowenen, ein Testhören anzuraten. Denn wieder wird dieses Album sehr unterschiedliche Meinungen hervorrufen, diesmal wohl auch unter Kennern der Band. Das wird die Band aber wohl nicht weiter stören. Denn ihrem Weg bleiben sie somit treu.
Anspieltipps: "Germania", "Slovania", "Jippon", "Vaticanae", "Rossiya"
Tracklist:
1. Germania
2. America
3. Anglia
4. Rossiya
5. Francia
6. Italia
7. Espana
8. Yisra´el
9. Turkiye
10. Zhonghua
11. Nippon
12. Slovania
13. Vaticanae
14. Nsk
Label: Mute
Bewertungskriterien:
Musik: 35/40
Cover/Booklet: 16/20
Wiederholfrequenz: 16/20
Gesamtkonzept: 18/20






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